Nordalbanien

Die Berge und der Kommunismus


Unter de
m kommunistischen Regime Enver Hoxhas wurden die Clans der albanischen Berge besonders stark unterdrückt, da der Diktator die Machtstrukturen der “Bergmenschen” fürchtete. Die alten Adelsfamilien wurden in Arbeitslager deportiert, ihre Häuser häufig demonstrativ zerstört.


Der Landbesitz in den Bergen wurde kollektiviert. Albanien hatte so gut wie keine Infrastruktur, nur Staatsbeamte verfügten über Autos, es gab wenig Straßen, keinen Nahverkehr und keine Telekommunikation.

Die Berge waren von der Hauptstadt Tirana Lichtjahre entfernt.


Bis heute gelten hier oben vor allem die strengen Regeln des Patriarchats. Deren Grundlage bilden die Gesetze des Kanun, einer 500 Jahre alten Sammlung von Gewohnheitsrechten. Das Konzept der Blutrache ist ein Fundament seiner Rechtsordnung. Sie galt den Clans als abschreckendes Instrument, um ihr Wertesystem unantastbar zu machen, vielleicht der Todesstrafe vergleichbar.


Auch wenn die Kommunisten es schafften, an einigen für wichtig gehaltenen
Pässen Kasernen zu bauen, vereinzelt sogar Schulen und kleinere Krankenhäuser zu errichten, gelang es ihnen dennoch nicht, jenseits von Repression, mental in die Gemeinschaft der Bergmenschen einzudringen.

Unter den Kommunisten standen zwar zehn Jahre Gefängnis schon auf den bloßen Gebrauch des Wortes Kanun, als 1990 aber das Regime abtrat, kamen die alten Gesetze wieder zur Geltung.

Das galt auch für die Blutrache.

Mit dem Tag, als die Menschen in Tirana die bronzene Statue von Enver Hoxha niederrissen, begann im Norden die Begleichung alter Rechnungen.

Dem Gedächtnis der Clans hatten auch die Kommunisten nichts anhaben können.


Mit dem Regime brach aber auch die bescheidene Infrastruktur in den Bergen zusammen. Krankenhäuser und Schulen wurden geschlossen, die wenigen vorhandenen Straßen verfielen zusehends. Die von den Kommunisten bislang unterdrückte Migration in die Täler und Städte begann in ganz Albanien. Noch vor zehn Jahren lebten in der Region Dukagjin-Shale entlang des Nikaj-Bergrückens über 60.000 Menschen. Davon sind gerade einmal zehn Prozent geblieben. (Dukagjin-Shale ist die Region, die einst vom Clan Sokoli beherrscht wurde.)

Der Großteil ging in die Provinzhauptstadt Shkodra. Die städtische Kultur und auch die Infrastruktur dort sind aber zu schwach, um die Neuankömmlinge aufzunehmen. Weder gibt es genügend Wohnraum, noch genügend Schulen oder Krankenhäuser. In vielen Städten hat sich die Bevölkerung vervielfacht. Die Folgen sind Verslumung, illegale Bauten und hohe Arbeitslosigkeit, die das soziale Gefüge der Städte zerstören.



Blutfehden und Versöhnung


Die Blutrache ist immer noch stark im Bewusstsein der Menschen im Norden verankert und spielt immer noch eine Rolle, auch und gerade in den Städten, wo die verschiedenen Clans enger aufeinander leben als in den Bergen. Auch kleinste Zwistigkeiten können als Ehrverletzung interpretiert werden und führen auch heute immer wieder zu blutigen Schießereien, die dann eine Racheaktion der Opferfamilie nach sich ziehen.
Mit dem Kanun hat das zwar nicht mehr viel zu tun, aber die alten Stammesgesetze werden gerne als Rechtfertigung vorgeschoben.



Ein „natürliches“ Ende der Blutrache sieht der Kanun nicht vor. Es gibt nur eine Möglichkeit, eine Blutrachefehde zu beenden: „die edle Vergebung“, die schließlich die Versöhnung der beiden Familien bewirkt. Entscheiden die Clans, sich nach den Gesetzen des Kanun zu versöhnen, müssen sämtliche männliche erwachsene Mitglieder der verfeindeten Stämme der „Versöhnung des Blutes“ zustimmen.





Für die neuen Fälle von Blutrache, also die, deren Ursprung nach dem Ende des kommunistischen Regimes liegt, gibt es verschiedene Ursachen. Ein wesentlicher Auslöser waren Streitigkleiten bei der Rück- und Neuverteilung von Grundbesitz nach der Auflösung der kommunistischen Kollektive. Ein anderer Grund ist die organisierte Kriminalität. Mafiöse Strukturen bauen in Albanien auf dem patriarchalen Clansystem auf, das nach ähnlichen Regeln funktioniert wie auch die italienische Mafia: Loyalität nach innen, Schweigen nach aussen. Streitereien zwischen albanischen Mafiafamilien werden gerne mit dem Ritual der Versöhnung beigelegt. Es wird auch von Fällen berichtet, wo reiche Familien sich durch Korruption eines Versöhners freikaufen. Die Hinterbliebenen der Opfer gehen so gut wie nie zur Polizei, doch sie bestehen auf einer Wiederherstellung ihrer Ehre, was durch eine Versöhnung gewährleistet ist.

Nach den Unruhen in Albanien im Jahr 1997, in deren Verlauf auch zahlreiche Militärdepots geplündert wurden, kam es noch einmal zu einem sprunghaften Anstieg der Blutrachetaten. Waffen waren aus dem Alltag, selbst in den Städten, kaum wegzudenken. Die staatliche Autorität war quasi verschwunden. Bis heute ist Albanien, vor allem im Norden, nicht entwaffnet, doch die staatlichen Behörden gewinnen nach und nach an Boden.



Philip Vogt, Max Mönch

 
 

home               synopsis             trailer              team            credits            presse           news            hintergrund